Die Jahreswende 2025/26 markierte das Ende einer Ära: Der US-Mutterkonzern Paramount Skydance stellte die internationalen MTV-Musikkanäle ab. Einige MTV-Kanäle werden weiterhin ausgestrahlt, allerdings mit einem Schwerpunkt auf Unterhaltung statt auf Musik. Das „Music Television“ war 1981 in den USA auf Sendung gegangen und bald zu einer der bedeutendsten Ikonen jener Dekade aufgestiegen. Ein Sender, der nur Musikvideos ausstrahlt – beim Start von MTV war das noch eine bahnbrechende Idee. „Video Killed the Radio Star“ war bezeichnenderweise der erste Musik-Videoclip, der bei Music Television lief. Die Ästhetik der auf MTV ausgestrahlten Videos – von schnellen Schnitten bis zu den knallbunten Outfits – prägten die Popkultur und beeinflussten auch die Machart anderer Medien: Kinofilme wurden rasanter und „poppiger“, Werbespots (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article246032122/Like-Ice-in-the-Sunshine-Warum-so-viele-Werbungen-aus-den-80ern-noch-heute-kult-sind.html) bunter und schneller. Gleichzeitig hinterließen letztere auch ihre Spuren bei MTV – Titelsongs von Kinofilmen gelangten auf dem Fernsehsender in „heavy rotation“, manche in der Werbung bekannt gewordene Songs (etwa „First Time, First Love“ aus einem Coca-Cola-Spot) wurden anschließend zu Hits in den Musik-TV-Shows. Ein fruchtbarer Kreislauf, der die 1980er zu einem goldenen Zeitalter der Popkultur werden ließ; nicht von ungefähr sind die 80er bis heute „Kult“ (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article244009091/1980er-Sehnsucht-nach-einer-Zeit-in-der-zumindest-gefuehlt-alles-einfacher-war.html) . Zelebriert wird dieser nun jedoch auf Streamingdiensten und Social Media – und kaum mehr im linearen Fernsehen. Alles, was MTV zu einem kulturell „revolutionären“ Sender machte, existiert nicht mehr, sagt die Film- und Medienwissenschaftlerin Kirsty Fairclough von der Manchester Metropolitan University. Digitale Plattformen wie YouTube und TikTok „haben die Art und Weise, wie wir mit Musik und Bildern umgehen, völlig verändert“. Das Publikum von heute erwartet „Unmittelbarkeit“ und „Interaktivität“, was Videos im Fernsehen nicht bieten könnten, erläutert die Expertin für Populärkultur. Der Sender war erfolgreich, bevor es das Internet gab bzw. solange dieses noch in den Kinderschuhen steckte, sagt James Hyman, der in den 1990er-Jahren Tanzshows für MTV Europe produzierte. „Es war so aufregend, weil das im Grunde alles war, was die Leute hatten.“ Hyman und Moderatorin Simone Angel waren die Macher von MTV Party Zone, einer Sendung, die die Clubkultur feierte und damals noch neue Techno-, House- und Trance-Musik spielte. Beide verließen den Sender, als MTV Europe Anfang der 2000er-Jahre in regionale Tochtergesellschaften aufgeteilt wurde und sich von Musikprogrammen weg zu Realityshows hin umorientierte. „Ich war untröstlich, als es zu einer Aufteilung in verschiedene Regionen kam. Für mich war das wie der Anfang vom Ende“, sagt die Niederländerin. Grund für die schwindende Popularität von MTV war ihr zufolge die Abkehr von originellen, innovativen Musikinhalten, die für den Durchbruch wenig bekannter Künstler entscheidend waren. „Anfangs ging es MTV Europe nicht nur darum, möglichst viel Geld zu verdienen. Es war die Experimentierfreudigkeit, die den Sender so spannend machte.“ Der deutschsprachige MTV-Sender ging 1997 an den Start und machte Moderatoren wie Kristiane Backer, Ray Cokes, Nora Tschirner und Christian Ulmen einem Millionenpublikum bekannt. Zuvor war hierzulande die Musikvideosendung „Formel 1“, die von 1983 bis 1990 zunächst in den dritten Programmen und dann in der ARD wöchentlich ausgestrahlt wurde, so etwas wie ein deutscher „MTV-Ersatz“. Von 1993 bis 2018 gab es mit VIVA eine deutsche Musiksender-Alternative zu MTV. 1996 schafften die Zeichentrick-Figuren Beavis und Butt-Head, die seit 1993 auf MTV Musikvideos hämisch kommentierten und allerlei Unsinn anstellten, mit dem Film „Beavis and Butt-Head do America“ den Sprung auf die Kino-Leinwand. „Das 'M' in MTV stand für Musik, und das ist nun weg“, beklagt Hyman. „MTV hat die Popmusik wirklich grundlegend verändert“, resümiert Wissenschaftlerin Fairclough. Der Sender habe sowohl berühmte als auch unbekannte Künstler in die Wohnzimmer von Musikfans auf der ganzen Welt gebracht. Die Abschaltung von Sendern in vielen Ländern „markiert definitiv das Ende einer Ära in der Art und Weise, wie wir Musik erleben, sowohl visuell als auch kulturell“, sagt sie. Momente wie die Premiere von Michael Jacksons Musikvideo „Thriller“ und Madonnas Auftritt mit „Like a Virgin“ bei den ersten MTV Video Music Awards 1984 prägten die kulturelle Debatte. „MTV war so mächtig, dass es die Jugendkultur definierte“, sagt Hyman. Was bleibt, ist die Erinnerung – MTV ist jetzt zwar Geschichte, aber die legendären Musikvideos sind unsterblich. Darunter der Song, mit dem auf dem Musiksender alles begann, und der auch als letzer Videoclip vor der Abschaltung ausgestrahlt wurde: „Video Killed the Radio Star“: Und wer könnte das aufwendig produzierte Video zu Michael Jacksons „Thriller“ vergessen, das zu einem der berühmtesten und bedeutendsten der Geschichte wurde: Ebenfalls weit oben auf allen Listen der besten und originellsten Clips aller Zeiten: Peter Gabriels „Sledgehammer“: Nicht minder originell und technisch interessant: „Take On Me“ von a-ha: Aber auch weniger aufwendig produzierte Clips wurden zu Klassikern, etwa Robert Palmers „Addicted to Love“-Video, das „nur“ aus einem Bühnenauftritt bestand: Oder Nenas Video zu „99 Luftballons“, wo ein paar Nebelkerzen auf einem Acker reichten, um bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Eine Liste, die sich lange fortführen ließe – zum Beispiel im WELT-Kommentarbereich... Für WELTGeschichte blickt Martin Klemrath (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/martin-klemrath/) neben klassischen historischen Themen auch regelmäßig auf popkulturelle Phänomene vergangener Jahrzehnte zurück. Darunter eine Kult-Sitcom der 80er und 90er: „Eine schrecklich nette Familie“ (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article255276978/Eine-schrecklich-nette-Familie-Mit-Brachialhumor-begeisterte-Al-Bundy-seine-Fans-und-entgeisterte-Kritiker.html) .